Theorie

Theorie erklärt

Hintergrund

Unser Projekt WoEnMo ist nicht einfach aus dem “Nichts” entstanden. Zuvor wurde sich intensiv mit dem Stand der Wissenschaft auseinandergsetzt.

  • Was gibt es schon?
  • Wie ist der Stand der Forschung?
  • Worauf können wir aufbauen?
  • Wo sind die Forschungslücken?

Da das Semster in Halberstadt einige Wochen früher beginnt, als in Erfurt, haben die Halberstädter schon eher begonnen sich in die Literatur einzulesen. Mit dem Semesterstart in Erfurt starteten auch die Erfurter sich einzulesen und bekamen in Halberstadt die bisherigen Erkenntnisse der Halberstädter vorgestellt.

Aktueller Stand der Forschung

Weltweit steigen die Ausgaben für Wohnen, Energie und Mobilität schneller als viele Einkommen. Besonders in Städten geraten dadurch immer mehr Haushalte unter Druck. (vgl. Airgood-Obrycki et al. 2021: 1ff).

Die Wohn, Energie und Mobilitätskosten werden inzwischen intensiv erforscht (vgl. Cludius et al. 2024: 11ff). Studien zeigen, dass hohe Mieten oft so viel vom Budget verschlingen, sodass kaum noch Geld für gutes Essen, Gesundheitsversorgung, Bildung oder klimafreundliche Mobilität übrigbleibt (bekannt als “rent eats first”) (vgl. Airgood-Obrycki et al. 2021: 4ff). Dabei wird deutlich: Viele Haushalte sind nicht nur in einem Bereich betroffen, sondern gleichzeitig von Energie und Mobilitätsarmut (vgl. Simcock et al. 2021: 5ff).  

Forschungen zu Energie- und Mobilitätsarmut machen deutlich, dass gerade Menschen mit geringem Einkommen, in schlecht angebundenen Wohnlagen oder in energetisch schlechten Gebäuden mehrfach benachteiligt sind (vgl. ebd. 23ff). Dabei ist Energiearmut eng mit niedrigem Einkommen, Erwerbslosigkeit, geringer Bildung, Einpersonenhaushalten und energetisch ineffiizienten Wohnungen verknüpft (vgl. Dreschner; Benedikt 2021). Dabei ist ein deutliche Verfestigung von Energiearmut über die Zeit auffällig (Trotzdem sind 87% der energiearmen Haushalte nur temporär betroffen) (vgl. ebd.). 

Energetische Sanierungen werden oftmals als Möglichkeit gesehen langfristig den Energieverbauch und somit die Energiekosten zu senken. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht können dadurch Gentrifizierungsprozesse in Gang gesetzt werden. Das heißt mit Sanierung häufig verbundene Mietsteigerungen kann es zu Verdrängung in die Peripherie kommen (vgl. Großmann et al. 2024: 2ff).

Was bislang fehlt, sind umfassende Untersuchungen, die alle drei Bereiche gemeinsam in den Blick nehmen und die Folgen für den Alltag der Menschen und ihre gesellschaftliche Teilhabe sichtbar machen (vgl. ebd.). 

Was können wir aus der Forschung ableiten?

Aus den bisherigen Erkenntnissen lässt sich bereits einiges für Praxis, Politik und für unser Forschungsvorhaben mitnehmen:

Einsparung müssen genau betrachtet werden

Erstens zeigt der Blick auf Wohnkosten, dass einfache Quoten (etwa „40% des Einkommens für Wohnen“) zu kurz greifen und vielmehr geschaut werden muss, wie viel Geld nach Abzug von Miete, Energie und Mobilität überhaupt zum Leben bleibt (vgl. Airgood-Obrycki et al. 2021:5). Wer viel Miete zahlt, muss bei Energie und Mobilität oft einsparen (vgl. Martiskainen et al. 2023: 9f).

Bestimmte Gruppen müssen berücksichtigt werden

Zweitens machen Studien zu Energie- und Mobilitätsarmut deutlich, dass bestimmte Gruppen, wie etwa Menschen in schlecht gedämmten Wohnungen, in peripheren Lagen oder mit „erzwungenem Autobesitz“, gezielt in den Blick genommen werden müssen (vgl. Simcock et al. 2021: 5ff).

Integrierte Betrachtung notwendig

Drittens wird klar, dass wir integrierte Lösungen brauchen: Stadtentwicklung, Sozialpolitik, Energie- und Verkehrswende sollten so gestaltet werden, dass sie nicht neue Belastungen schaffen, sondern Wohnen, Heizen und Unterwegssein gemeinsam bezahlbarer und gerechter machen (vgl. Cludius et al. 2024: 31ff). Einzelne Maßnahmen, die nur bei Wohnen, nur bei Energie oder nur bei Verkehr ansetzen, reichen nicht aus (vgl. Großmann et al. 2019: 90ff).

Fazit

Das Projekt liefert dafür eine wichtige Grundlage, indem es diese verschiedenen Perspektiven bündelt und in ein gemeinsames Konzept zur Messung und Beschreibung von Wohn‑, Energie‑ und Mobilitätsbelastung übersetzt. 

Forschungslücke

Bisher werden Wohnkosten, Energiearmut und Mobilitätsarmut meist in getrennten Studien untersucht, mit eigenen Begriffen, Daten und Zuständigkeiten (vgl. Cludius et al. 2024: 11ff).

Es gibt zwar Arbeiten zu Energie- und Transportarmut oder zu überlasteten Wohnkosten, aber kaum Forschungen, die alle drei Bereiche systematisch zusammen denken und für konkrete lokale Kontexte auswertet (vgl. Großmann et al. 2024: 3ff).

Offene Fragen sind zum Beispiel:  

Hier setzt das Studienprojekt an und entwickelt ein Forschungsdesign, das diese Lücke schließt und neue, integrierte Perspektiven ermöglicht. Wir verbinden die bisherigen Erkenntnisse, erweitern sie um den Blick auf die „dreifache“ Belastung und entwickeln eine Grundlage, um diese besser zu messen und zu beschreiben. 

Darum braucht es das Projekt

Im Alltag entscheiden Menschen nicht getrennt über Miete, Heizen oder Busfahren – sie müssen alles aus demselben knappen Budget bezahlen (vgl. Airgood-Obrycki et al. 2021: 5). Das Studienprojekt “WoEnMo – Alles bezahlbar oder was?“ greift genau diese Realität auf: Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten werden nicht isoliert, sondern in ihrem Zusammenspiel betrachtet.  

Wenn die Miete einen Großteil des Einkommens auffrisst, Energiekosten krisenbedingt steigen und gleichzeitig Auto, Ticket oder Fahrrad teurer werden, geraten selbst bisher stabile Haushalte ins Wanken (vgl. Kalkuhl et al. 2022: 6ff). Besonders betroffen sind Gruppen, die ohnehin schon benachteiligt sind, etwa Alleinerziehende, armutsgefährdete Haushalte, Menschen mit Behinderungen oder Personen, die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt erleben. Wer sich Wege zur Arbeit, zu Freund:innen oder zu Angeboten in der Stadt nicht leisten kann, läuft Gefahr, sozial ausgeschlossen zu werden (vgl. Clair et al. 2019: 15ff). 

Die Energie- und Klimakrise setzen über die vergangenen Jahre Haushalte gleichzeitig über die behandelten Schnittstellen unter Druck (vgl. Kalkuhl et al. 2022). Die Verschränkung dieser wurde von der bisherigen Politik nur unzureichend berücksichtigt (vgl. Agora Verkehrswende (Hg) 2023). 

Das Projekt ist deshalb wichtig, weil es sichtbar macht, wie diese Kostenbelastungen sich überlagern und wo genau Politik und Kommunen ansetzen müssen, um soziale Spaltung und Ausgrenzung zu verhindern.

Agora Verkehrswende (Hg.) 2023: Mobilitätsarmut in Deutschland Annäherung an ein unterschätztes Problem mit Lösungsperspektiven für mehr soziale Teilhabe und Klimaschutz. Verfügbar: <https://www.agora-verkehrswende.de/fileadmin/Projekte/2023/Mobilitaetsarmut_Diskussionspapier/105_Mobilitaetsarmut.pdf> (Zugriff: 2026-03-06).

 

Airgood-Obrycki, Whitney; Hermann, Alexander; Wedeen, Sophia (2021): The Rent Eats First: Rental Housing Unaffordability in the US. Online verfügbar unter https://www.jchs.harvard.edu/sites/default/files/research/files/harvard_jchs_rent_eats_first_airgood-obrycki_hermann_wedeen_2021.pdf, zuletzt geprüft am 16.10.2025. 

 

Clair, A.; Reeves, A.; McKee, M.; Stuckler, D. (2019): Constructing a housing precariousness measure for Europe. In: JOURNAL OF EUROPEAN SOCIAL POLICY 29 (1), S. 13–28. DOI: 10.1177/0958928718768334. 

 

Cludius, Johanna; Noka, Viktoria; Unger, Nelly; Delfosse, Lola; Dolinga, Theresa; Schumacher, Katja et al. (2024): Transport poverty. Definitions, indicators, determinants, and mitigation strategies : final report. European Commission. Luxembourg. Online verfügbar unter https://www.transportpoverty.it/wp-content/uploads/Transport-poverty-definitions-indicators-determinants-and-mitigation-strategies.pdf, zuletzt geprüft am 17.10.2025. 

 

Drescher, Katharina; Janzen, Benedikt (2021): Determinants, persistence, and dynamics of energy poverty: An empirical assessment using German household survey data. In: Energy Economics 102, S. 105433. DOI: 10.1016/j.eneco.2021.105433.Grossmann, Katrin (2019): Energy efficiency for whom? A conceptual view on retrofitting, residential segregation and the housing market. In: SOCIOLOGIA URBANA E RURALE (119), Artikel 6, S. 78–95. DOI: 10.3280/SUR2019-119006.

 

Golubchikov, O.; O'Sullivan, K. (2020): Energy periphery: Uneven development and the precarious geographies of low-carbon transition. In: Energy and Buildings 211. DOI: 10.1016/j.enbuild.2020.109818. 

 

Großmann, Katrin; Oettel, Helene; Sandmann, Leona (2024): At the Intersection of Housing, Energy, and Mobility Poverty: Trapped in Social Exclusion. In: Energies 17 (8), S. 1925. DOI: 10.3390/en17081925. 

 

Holm, Andrej; Regnault, Valentin; Sprengholz, Maximilian; Stephan, Meret (2021): Muster sozialer Ungleichheit der Wohnversorgung in deutschen Großstädten (HBS Working Paper Forschungsförderung, 222).

  

infas, DLR, IVT und infas 360 (2025): Mobilität in Deutschland (im Auftrag des BMDV). Kurzbericht. Online verfügbar unter https://www.mobilitaet-in-deutschland.de/pdf/MiD2023_Kurzbericht.pdf, zuletzt geprüft 17.10.2025. 

 

Kalkuhl, Matthias; Flachsland, Christian; Knopf, Brigitte; Amberg, Maximilian; Bergmann, Tobias; Kellner, Maximilian; Stüber, Sophia; Haywood, Luke; Roolfs, Christina; Edenhofer, Ottmar 2022: Auswirkungen der Energiepreiskrise auf Haushalte in Deutschland Sozialpolitische Herausforderungen und Handlungsoptionen. Verfügbar: <https://www.pik-potsdam.de/de/institut/abteilungen/klimaoekonomie-und-politik/mcc-dokumente-archiv/2022_mcc_auswirkungen_der_energiepreiskrise_auf_haushalte.pdf> (Zugriff: 2026-03-06).

 

Martiskainen, Mari; Hopkins, Debbie; Torres Contreras, Gerardo A.; Jenkins, Kirsten E.H.; Mattioli, Giulio; Simcock, Neil; Lacey-Barnacle, Max (2023): Eating, heating or taking the bus? Lived experiences at the intersection of energy and transport poverty. In: Global Environmental Change 82, S. 102728. DOI: 10.1016/j.gloenvcha.2023.102728. 

 

Simcock, N.; Jenkins, K. E.H.; Lacey-Barnacle, M.; Martiskainen, M.; Mattioli, G.; Hopkins, D. (2021): Identifying double energy vulnerability: A systematic and narrative review of groups at-risk of energy and transport poverty in the global north. In: Energy Research & Social Science 82. DOI: 10.1016/j.erss.2021.102351. 

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